Ein Museum für Bassersdorf der andern Art

Aus dem Blätterwald (Presseartikel)

(Dorf-Blitz Nr 8 vom 31.08.2006)

Erste Eröffnung noch diesen Herbst

Das Kultur-Netz ist ausgeworfen

Bassersdorf soll ein Ortsmuseum erhalten. Anstatt geschichtsträchtige Exponate in einem Raum zu zeigen, strebt der Verein Kultur-Netz ein dezentrales Museum an.

von Urs Wegmann

Markus Lienhart wurde praktisch in der Wiege mit dem Bassersdorfer Virus infiziert. «Ich bin in dem Wohnhaus aufgewachsen, wo heute das Gemeindehaus B steht», erzählt er. Und hält gleich fest, was ihm ebenfalls wichtig ist: «Ich bin ein Lienhart mit t, ich fühle mich als echter Bassersdorfer, obwohl ich mittlerweile in Nürensdorf wohne.»

Die erbliche Vorbelastung alleine wird es allerdings kaum ausmachen, warum er sich äusserst umtriebig für die Bassersdorfer Ortsgeschichte einsetzt. Er ist Präsident des seit rund einem Jahr existierenden Vereins Kultur-Netz Bassersdorf (der Dorf-Blitz berichtete). Nach der Aufbauphase soll es nun konkret werden. Lienhart zieht ein 80-seitiges Projekt-Dossier aus der Tasche und legt es auf den Tisch, die «Hauptstudie Ortsmuseum Bassersdorf».

35 Gebäude und Orte

Das Ortsmuseum, das Lienhart vorschwebt, unterscheidet sich grundsätzlich von jedem herkömmlichen Museum. Während normalerweise in einem ausgewählten Raum oder Gebäude die passenden Exponate gesammelt und gezeigt werden, ist für die Bassersdorfer Variante keine Museums-Räumlichkeit vorgesehen. «Die Idee ist, dass die Ortsgeschichte dezentral gezeigt wird, jeweils dort, wo sie auch tatsächlich stattgefunden hat», erklärt Lienhart sein Konzept.

Konkret hat er 35 Gebäude und Orte definiert, die relevant sein könnten für das Projekt (siehe Karte). «Die Gebäudeeigentümer entscheiden, ob das Gebäude ins Ortsmuseum, in dezentraler Form, integriert werden darf», will Lienhart auf jeden Fall festhalten. Zudem müsse die Objektkarte noch mit dem «Unterdorf» ergänzt werden. Bezeichnet sind kleinere Objekte wie der EW-Turm an der Bahnhofstrasse oder baufällige wie die Spinnerei bei der Sagi. Gleichzeitig hat aber Lienhart festgelegt, was erste Priorität hat. Darunter sind die bekannten Stätten wie Schmitte, altes Primarschulhaus, aber auch das Feuerwehrlokal, das gemäss kommunaler Zentrumsplanung dereinst dem Erdboden gleichgemacht werden soll.

Die zwei KULTUR-NETZ-Mitinitianten Markus Lienhart (links) und Dölf Stöcklin (rechts). Feuerwehrgebäude und Turnschopf im Hintergrund sind für sie erhaltenswerte Gebäude. (uw)

Brückenwaage als Zentrum

«Wir wollen, dass diese Gebäude in ihrer Architektur der Nachwelt erhalten bleiben», fordert er. Und wie soll das nun geschehen? Eine zentrale Funktion soll das Häuschen der alten Brückenwaage übernehmen. Das ist der zurzeit ungenutzte Unterstand neben dem Kreise! in Richtung Baltenswil, der auch schon als Bushalte stelle oder Telefonkabine gedient hatte. Hier soll ein Info-Center eingerichtet werden, das den Interessierten hilft, sich im Dorf und seiner Geschichte zurecht zu finden. Im Internet (siehe Kasten/Kommentar) sind bereits drei mögliche Rundgänge durch das Dorf aufgeschaltet.

An den verschiedenen historischen Stätten soll eine einheitliche Beschriftung angebracht und je nach Eignung des Gebäudes und des vorhandenen Materials ein öffentlicher Bereich definiert werden, der zu gewissen Zeiten zugänglich ist. «Wir streben also selber kein Land- oder Immobilien-Eigentum an», versichert Lienhart. Man wolle auch den Besitzern wie Gemeinde oder Kirche nicht dreinreden, denn ein wichtiger Grundsatz des Ortsmuseum-Projektes sei, dass die Objekte möglichst weiterhin durch Dritte genutzt werden könnten.

Keine Option ist für ihn die Nutzung der alten Postbaracke als Ortsmuseum. Diese steht leer, seit das Strassenwesen seinen neuen Werk- hof bezogen hat. Und wie der Dorf- Blitz berichtete, besteht die Idee, diese weiterhin zu nutzen. «Der Schopf ist abbruchreif und meiner Meinung nach ungeeignet», sagt Lienhart. Er sehe auch keinen geeigneten Standort dafür.

Freilicht-Spiel?

Das ganze Projekt ist nicht billig. Die Kosten für kleinere Renovationen und die Einrichtung von Einstellungsräumen belaufen sich auf rund eine halbe Million Franken. Dieses Geld will der Verein selber aufbringen. Zudem rechnet Lienhart mit einigen tausend Stunden für Fronarbeit und ehrenamtliche Tätigkeiten.

Woher soll das Geld kommen? Diesen Sommer gelangte der Verein erstmals mit einer Faltbroschüre und einem Spendenaufruf an die Bevölkerung. Einen genauen Betrag nennt Lienhart nicht, aber für den Anfang zeigt er sich zufrieden.

Lienhart und Vorstandsmitglied Dölf Stöcklin stehen auf dem Platz zwischen altem Primarschulhaus und ehemaligem Feuerwehrgebäude. «Es wäre doch wunderbar, wenn auch dieser Platz erhalten werden könnte», träumt Lienhart. Rundherum stünden historische Gebäude, die eine besondere Atmosphäre würden. Und während das Ortsmuseum sich gerade erst im Aufbau befindet, hat der umtriebige Exil-Bassersdorfer bereits seine nächste Idee: «Es wäre doch wunderbar, hier zum Beispiel ein historisches Freilicht-Spiel aufführen zu können, oder?»

Ergänzung zur Kulturkommission

Das Kultur-Netz ist als Verein organisiert. Er hat sich zum Ziel gesetzt, ortgeschichtlich wichtige Gebäude und Stätten zu erhalten. Zudem soll das alte Handwerk gefördert und die Ortsgeschichte aufgearbeitet werden. Wie Kultur-Netz-Mitglied Dölf Stöcklin erklärt, wurden sie sich damit klar von der behördlichen Kultur-Kommission unter und diese keineswegs konkurrenzieren. Ihr Verein sei für die Aufarbeitung der Vergangenheit zuständig, während die Kultur-Kommission eher die gegenwärtige Kultur fördere, indem sie zum Beispiel Veranstaltungen organisiere. Weitere Informationen sind im Internet unter www.kultur-netz.ch zu finden. Hier sind auch bereits die ersten drei Rundgänge durch das Dorf aufgeschaltet.

(uw)

Kommentar

Platz für Altes und Neues

Es ist immer zu begrüssen, wenn sich private Initianten für das Allgemeinwohl einsetzen. In diesem Fall ist der Einsatz gar besonders zu würdigen. Es ist nämlich nicht nur so, dass die Mitglieder des Kultur-Netzes bereits einen enormen Zeitaufwand auf sich genommen haben, unklar ist leider auch, wie weit er sich gelohnt haben wird.

Das Projekt des dezentralen Ortsmuseum ist aussergewöhnlich und lebenswert, möglicherweise lässt es sich leider nicht vollständig realisieren. Gebäude wie der alte Bahnhof oder der Turnschopf haben wohl historische Bedeutung, wahrscheinlich ist ihre Zeit aber trotzdem abgelaufen. Kann der Gemeinderat seine Bereichsstrategie vollends umsetzen, müssen zumindest diese zwei Objekte weichen und Platz schaffen für neue Nutzungen. Für Bassersdorf wäre das ebenfalls sehr viel wert. Es ist zu hoffen, dass sich die Kultur-Netz-Initianten deswegen aber nicht von ihrem Projekt abbringen lassen und einen optimalen Weg finden, Altes und Neues nebeneinander existieren zu lassen.

Urs Wegmann