Sonntag, den 10. April 1885

(Diese Geschichte stützt sich auf die wahren Gegebenheiten ab, welche an diesem Tag auch stattfanden.)

Es ist ein kühler Sonntagmorgen, der 10. April 1885. Das Thermometer zeigt gerade mal 3° Grad Celsius. Zum Glück weht ein schwacher Südwestwind und keine Bise. So lässt es sich doch noch einigermassen erträglich anfühlen.

Es ist noch dunkel, als in den ersten Bauernhäusern langsam das Leben erwacht.

Die Stubenuhr schlägt halb sechs. Der Bauer Alfred Brunner, beim Bahnübergang, klettert gähnend aus seinem Bette. Er ist wie gerädert und seine Glieder schmerzen, denn das Laub in den Säcken sollte endlich einmal gewechselt werden.

Seine Frau Emma ist schon längst auf den Beinen. Sie hat den Kochherd eingefeuert. Denn ihr Mann und der Knecht Rudolf wollen sich mit einem «Beckeli» heisser Milch stärken, bevor es in den Stall zur Arbeit geht. Wie bei den Bauern üblich gibt es «Zmorge» erst nach dem «Stall».

Sobald der Kochherd angefeuert wird, wird im Wasserschiff (Kupferbecken im Kochherd) Wasser erwärmt, welches für den Haushalt gebraucht wird (heute Warmwasserboiler).

Ihre 4 Kinder können bis zum «Zmorge ässe» noch getrost weiterschlafen. Sie brauchen sich heute nicht zu beeilen, denn ihr Sonntagschulunterricht fängt erst um halb elf Uhr an.

Mit einer «Muchle» heisser Milch tauen auch die Gemüter von Alfred und Rudolf langsam auf. Das Gesprächsthema ist die Bestellung des Stalles. Im letzten Herbst hat man zu optimistisch gerechnet und glaubte man käme mit dem eingebrachten Heu, wenn auch knapp, über den Winter. Nur war der Winter lange und hart und das restliche Heu vermag die Tiere nicht mehr bis zum ersten Schnitt (Gras) ernähren. Heu zukaufen lohnt sich bei weitem nicht.

So beschliesst Alfred heute in die Kirche zu gehen. Er will beim Metzger Siber vorbei und aushandeln was dieser für ein Stück Vieh zu bezahlen bereit ist. Er kann auch noch den Viehhändler Fürst, falls dieser heute zum Gottesdienst kommt, beiläufig nach dem Preise fragen, bevor er mit dem Metzger Siber den Handel abschliesst.

Die Kirchenglocken verkünden die sechste Morgenstunde und beginnen danach den Sonntagmorgen einzuläuten. Der Sigrist Hans Heinrich Fürst ist froh, dass es endlich Frühling und damit wieder wärmer und heller wird. Im Winter wenn es klirrend kalt und am Morgen noch dunkel war und der Schnee knietief auf der Strasse lag, wünschte er sich manchmal er könnte noch im warmen Bette liegen bleiben und weiter schlafen.

Alfred Brunner und sein Knecht erheben sich langsam von den Stühlen und begeben sich an die Arbeit: Die Tiere füttern und tränken, misten und melken. Dabei gackern die Hühner in ihren Nestern unterhalb der Stalldecke und machen Frühturnen indem sie mit ihren Flügeln schlagen. Das «Eier greifen» ist Frauensache. Hände weg. Dies gilt auch für das Schweine füttern und tränken.

Alfred Brunner steht mit einem Kalb, welches nicht gerade viel durst zu haben scheint, am Brunnen. Es ist einfacher die Tiere zur Tränke zu führen als das Wasser in den Stall zu tragen. Still steht er da und denkt an die Zeit zurück als die Eisenbahn noch nicht an diesem Brunnen und seinem Hause vorbeiführte. Da gab es meistens einen kurzen Schwatz mit den Nachbarn, sei es mit dem Heinrich Schellenberg oder dem Schmied Altorfer gewesen. Aber auch der Jakob auf der gegenüberliegenden Strassenseite wechselte gerne ein paar Worte.

Seit aber die Bahn vor knapp 10 Jahren gebaut wurde ist alles anders geworden. Das Haus vom Köbi musste der Eisenbahnlinie weichen und der Brunnen wurde vom Hause vom Schmied Altorfer abgetrennt. Dieser tränkt seither seine Tiere lieber am Brunnen beim «Schulhaus». Dank dem angebauten Sudelbrunnen hat es dort immer sauberes Trinkwasser im Brunnentrog.

Während er so vor sich hinträumt geht das Licht im Pfarrhaus an.

Erschrocken wendet er sich um als sein ältester Sohn ihm einen guten Morgen wünscht. Dieser musste heute früher aufstehen, denn es ist an ihm die frische Milch mit der Tanse in die «Hütte» zu bringen.

Im Pfarrhaus sitzt der Pfarrer Johann Jakob Von Bergen mit seiner Frau am Küchentisch und schlürft sein «Chacheli Kafi». Er hat heute einen strengen Tag und seine Kinder wird er heute auch nicht viel sehen. Am Vormittag muss er zuerst die Predigt, danach die Kinderlehre halten. Am Nachmittag steht eine Beerdigung an und am Abend ist noch die Kirchenpflegesitzung. Es ist noch allerhand vorzubereiten.

Auch die Frau Pfarrer muss sich für den Gottesdienst vorbereiten. Denn seit zwei Jahr steht ein amerikanisches Harmonium in der Kirche und sie ist die Organistin. Das Harmonium ist ein 17hundert fränkiges Geschenk von Hans Heinrich Fürst im Geeren. Es war ihm aber vergönnt das Harmonium spielen zu hören. Er kränkelte schon längere Zeit und starb just am selben Juliabend im Jahre 1883 in seinem Hause, als die Kirchenpflege an ihrer Sitzung beschloss sein Geschenk dankend anzunehmen.

Mit diesem Geschenk wurde das Vorsingeramt überflüssig und konnte aufgehoben werden. So wurde letztes Jahr der letzte Vorsinger der Kirche Bassersdorf, Heinrich Brunner, aus dem Amt entlassen.

Die Sonnenstrahlen vermögen die starke Wolkendecke nicht zu durchbrechen. Dennoch «tagets» langsam.

Es ist schon hell als der Lampist, Heinrich Brunner, im Mösli, die letzte der 30 Strassenbeleuchtungslaternen auslöscht. Wahrscheinlich hat er sich verschlafen oder den göttlichen Schlaf noch etwas länger genossen.

Um 9 Uhr rufen die Glocken zum Gottesdienst. Junge und Alte, Frauen und Männer, alle eilen der Kirche entgegen. Man friert und will nicht unnötig in der Kälte verweilen.

Auch in der Kirche ist es nicht viel wärmer als draussen und man ist froh, als nach einer knappen Stunde das Glockengeläut verkündet, der Gottesdienst sei nun beendet.

Die Männer schwatzen und diskutieren eifrig miteinander und steuern dem «Alpenrösli», «Frieden» und «Löwen» entgegen. Sie hätten noch wichtige Geschäfte zu erledigen, erklärten sie ihren Weibern. Was sollen diese dazu noch sagen. Sie denken: Gönnen wir ihnen am Sonntag doch diesen kurzen Augenblick der Geselligkeit. Die Alltagssorgen holen alle schnell wieder ein. Es ist ohnehin besser sie sitzen im Wirtshaus, als dass sie zu hause herumstehen und im Haushalt stören.

Gegen 12 Uhr machen zwei Pferdetroschken beim «Löwen» halt. Die Kutscher tränken die Pferde am «Löwenbrunnen» und geben ihnen Hafer, währenddem sich die Reisenden im Wirtshause ein üppiges Mittagsmahl gönnen.

Um 13 Uhr ertönt die grosse Kirchenglocke und ruft zum Grabe. Eine gute halbe Stunde später läuten die Glocken erneut. Diesmal rufen sie zum Trauergottesdienst.

Es ist eine auswärtige Frau, die heute zu Grabe getragen wird. Es ist Rosina Dübendorfer von Baltenswil. Sie war am 6. April, 17 Tage vor ihrem 31. Geburtstag, gestorben. Es ist bereits die 10 Beerdigung und die 8. weibliche Person in diesem Jahr (Durchschnittsalter: gesamt: ~34 Jahre, wenn 10 Altersjahr überschritten ~43 Jahre).

Der Trauerzug bewegt sich hinter einem Pferdefuhrwerk her, welches einen Sarg geladen hatte. Hinter dem Fuhrwerk laufen zuerst die Trauerfamilie, dann die Männer und anschliessend die Frauen und Kinder. So wird auch in der Kirche gesessen.

Ein Eisenbahnzug fährt dampfend und schnaufend im Bahnhof ein. Damit die Pferde beim Bahnübergang nicht scheuen und der Trauerzug nicht stehen bleiben muss hält der Fuhrmann die Pferde zurück und treibt sie zur langsamen Gangart an.

Am Wegrand bei der Löwenbrücke steht der Gemeinderat Johann Heinrich Brunner «im schönen Grund». Er ist Verantwortlich für die Strassen, Brunnen und Bachwesen, sowie der Aufsicht über das Spritzenhaus und Sekundarschulgebäude. Er friert. Ist es doch nur 10° Grad Celsius warm.

Bei ihm stehen der Feuerwehrkommandant und Feuerspritze Nr 1-Scheff Friedensrichter Conrad Brunner sowie alle Chefs der verschiedenen Feuerwehrkorps (Feuerwehrbestand: 100 Mann). Es sind das der Feuerspritzen Nr 2-Scheff der Schlosser Emil Brunner, der Feuerbote zu Pferd Otto Angst, der Leiterkorps-Scheff der Maurer Caspar Briner, der Hackenkorps-Scheff Johannes Brunner, Müller in der unteren Mühle; der Flöchnerkorps-Scheff «Wagner Häuptli» (Jakob), der Feuerwache-Scheff Hans-Ulrich Lienhart im Klupf und die beiden Bachschweller Gottlieb Heinrich Altorfer und Jakob Brunner, «Küfers».

Als das Pferdefuhrwerk mit dem Sarg beim «Löwen» die Brücke überquert und sich Richtung Kirchgasse bewegt, nehmen alle den Hut vom Kopf und senken ihr Haupt während dem der Trauerzug an ihnen vorüber geht.

Als der Trauerzug verschwunden ist begibt sich das Feuerwehrkader ins Spritzenhaus hinter dem Schulhaus an der Klotenerstrasse.

Die Kirchenglocken verstummen langsam.

Schuhmacher Enderli, der auf dem Weg ins Wirtshaus «Frieden» ist, um sich einen Schoppen Wein zu genehmigen, sieht das Feuerwehrkader und ist plötzlich verunsichert. Sollte heute eine Feuerwehrübung stattfinden? Es wurde doch keine angekündigt. Und schon wieder fehlen will er nicht. Es hat ihn das letzte mal 50 Rappen Busse gekostet. Ihm, der nicht auf Rosen gebettet ist, hat das sehr weh getan.

Als er aber sein Berufskollege, der Schuhmacher Heinrich Städeli, in den «Frieden» gehen sieht, ist er erleichtert und setzt seinen Weg ebenfalls ins Wirtshaus fort.

Die «Bättzytglocke» hat längst schon geläutet als die beiden Schuhmacher, Enderli und Städeli, leicht angeheitert und sich auf des andern Schulter stützend, den «Frieden» verlassen. Singend und leicht schwankend geht es dem Bach entgegen. Hätte der Gemeindepräsident Elsinger die Beiden nicht über die Brücke geführt, die wären «bimeid» noch in den Bach gestürzt. Was hätte das beim Enderli zuhause wieder für ein «Tunnerwätter» abgesetzt, wenn er so «verhudlet» nachhause gekommen wäre.

Der Gemeinderat hat beschlossen dieses Jahr den Bach mit einem eisernen Geländer abzusichern. So haben nicht nur die Fuhrwerke einen Nutzen davon sondern auch der Enderli.

Es beginnt zu dunkeln. In den Häusern gehen die Lichter an. Während dem die Kinder zu Bette gehen verrichtet der Lampist Heinrich Brunner seinen Dienst. Er beginnt, wie alle Abende, die 30 Neolin-Strassenlaternen anzuzünden. Fahle Lichtstrahlen fällt auf die Naturstrasse.

Kurz vor 19 Uhr herrscht im Pfarrhaus Betrieb. Die Mitglieder der Kirchenpflege treffen für die erste Kirchenpflegesitzung in diesem Jahr beim Präsidenten der Kirchenpflege (zugleich Schulpflegepräsident und Religionslehrer), beim Pfarrer Johann Jakob Von Bergen, ein.

Haupttraktanden heute sind die Genehmigung der Kirchengutsrechung 1884 und die Kirchenreparatur soll wieder auf genommen werden, welche seit der Gemeindeversammlung am 18. Mai 1884 ins Stocken geraten war. Diese soll ins Budget 1885 aufgenommen werden und bis zur nächsten Versammlung am 19. April vorliegen. Weiter liegen diverse Schreiben vom Kirchenrat und Bezirkskirchenpflege sowie Synode vor. Der Kirchenrat fordert die Bezirks- und Gemeindekirchenpflege auf ihre gesetzlichen zustehenden Aufsicht nachzukommen. Das heisst aufmuntern zum Besuch der Kinderlehre, Unterweisungs- & Confirmandenunterricht sowie Sonntagsschule und Brautpaare sollen sich kirchlich Trauen lassen.

Die Kirchenpflegemitglieder Konrad Brunner, Friedensrichter und Schlosser in Basserdorf, Gemeindepräsident Elsinger, Notar (Landschreiber), von Bassersdorf, Herr Fürst, Heinrich Rudolf Lienhart, Schulpfleger, von Bassersdorf, Johann Morf, Gemeindeschreiber Bassersdorf, Johann Schwarz, Aufseher, von Bassersdorf und Johann Wettstein, Weinschenk, in Baltenswil sassen bereits im Pfarrhaus am Sitzungstisch, als Jakob Grimm, Sekundarschullehrer und Kirchengutsverwalter, von Bassersdorf, Ulrich Illi, Gemeinderatsschreiber, von Birchwil und Herr Leimbacher, Gemeinderat, von Oberwil eilend und leicht ausser Atem auf den siebten Glockenschlag im Pfarrhause ankommen.

So kann der Präsident Pfarrer Von Bergen fast pünktlich mit der Sitzung beginnen. Heinrich Huber, Wirt, in Breite und Heinrich Hotz, Civilpräsident von Nürensdorf haben sich entschuldigt. Zudem ist noch ein Amtsvertreter vakant, da Herr Wehrli Gemeindepräsident von Nürensdorf seine Wahl abgelehnt hat. Anlässlich der nächsten Gemeindeversammlung muss deshalb auch eine Neuwahl stattfinden.

Als der Präsident die Sitzung der Kirchenpflege um 22 Uhr beendet beginnt es zu regnen. Die Mitglieder machen sich rasch auf den Heimweg. Die Löcher in der Naturstrasse füllen sich mit Regenwasser. Und manch einer dieser Kirchenväter wird heimlich geflucht haben, wenn er wieder einen Schuh voll Regenwasser aus einem «Glungen» gezogen hat.

Zuhause warten die Ehefrauen auf ihre Männer. Es ist üblich, dass man auf den Partner wartet und miteinander zu bette geht. Sie sagen es nicht, aber man hat Angst. Angst, es könnte dem Mann in der Dunkelheit etwas zugestossen sein oder was sollte man tun wenn es zu brennen beginnen sollte.

Sie lenken sich ab und vertreiben die Zeit indem sie stricken, Socken stopfen oder Kleider flicken. Selten wird in einem Buch gelesen.

Die Kinder schlafen tief und fest als der Vater endlich um 11 Uhr durchnässt und frierend nachhause kommt. Endlich können auch die Eltern ins Bett. Das Licht wird gelöscht, man betet gemeinsam das «Unser Vater», wünscht sich eine gute Nacht und fällt allmählich in einen «tüfe gsunde und sorgenfreier schlaf», bis ... ja hier endet der Tag und ich überlasse es Euch, ob Ihr sie ungestört schlafen lassen wollt oder nicht.

Quellennachweis 

Literatur

BA Meteologische und Klimatologie, Meteo Schweiz
Gemeinde Bassersdorf
Kirchgemeinde Bassersdorf
Sekundarschul-Jubiläumsschrift von 1889 und 1939

Abbildungen

KULTUR-NETZ Bassersdorf
Bassersdorfer Heimatbücher, Bd 2 und 3
Feuerwehr Zürich in alter und neuer Zeit, Erich Oettli, 1985
Internet wikipedia, Albert Anker: Junge Mutter, bei Kerzenlicht ihr schlafend Kind betrachtend
private Foto